07
Apr

Warum unsere Hände ganz besonders sind

Sie berühren, erschaffen oder zerstören. Sie streicheln und trösten: Unsere Hände. Und manche von ihnen vergessen wir nie. Plus: Maniküretipps.

Ich bin sechs Jahre alt, ich bin krank, und meine Mutter legt ihre kühle Hand auf meine fieberheiße Stirn. Ich bin 22 Jahre alt und heirate. Ich denke daran, wie mein Mann zum ersten Mal mit seinem Zeigefinger mein Ohr gekitzelt hat. Wie er am Elbstrand Sand durch seine Hände rieseln ließ, als er mich fragte, ob wir zusammenziehen wollen. Wie seine Hände meine umklammerten, als wir miteinander schliefen.

Ich bin 48 Jahre alt, meine Großmutter hat Geburtstag. Ihre Hände zittern leicht. Auf dem Handrücken sind lauter braune Flecken und blaue Sehnen, und ich liebe sie immer noch. Es gibt Hände, die man nie vergisst. Es gibt zierliche oder vierschrötig-plumpe Hände. Und solche, die immer kalt sind. Von manchen möchte man nie berührt werden. Es gibt Hände, die trösten, und welche, die sich vor Verlegenheit verknoten. Und es gibt Hände, die einem den Himmel auf Erden versprechen. Und zuallererst doch die eigenen Hände. Daumen lutschen im Mutterleib. Dann Patschehändchen mit Grübchen, dann Kinderhände, die alles anfassen. Später Hände, die man in Unschuld wäscht. Dreckige Hände. Geschickte Hände. Zu wenige Hände bei der Liebe, alle Hände voll zu tun bei der Arbeit und mit allen zehn Fingern das Leben abgreifen.

Unsere Hände sind neben unserem Gesicht das individuellste Körperteil

Das hätten sich die ersten Wirbeltiere vor 40 Millionen Jahren nicht träumen lassen, als sie aus dem Wasser wateten und das Landleben probten. Sie hatten noch keine Hände, nur Flossen. Die aber veränderten sich zu Gebilden mit fünf Ausstülpungen. Vor sechs Millionen Jahren war es endlich so weit: Der aufrechte Gang klappte, die Hände wurden nicht mehr für die Fortbewegung gebraucht. Und als sich vor zwei Millionen Jahren auch noch der Daumen unserer Vorfahren abspreizte, waren die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass wir mit einem Schraubenzieher umgehen, Knöpfe annähen, Tennis spielen und eine SMS schreiben können. 27 Knochen, 36 Gelenke, 33 Muskeln und Sehnen, Bänder und tausende von Nervenbahnen braucht die Hand, um zu tun, was wir von ihr wollen. Die perfekte Konstruktion unserer Greifwerkzeuge würde schon zum Schwärmen ausreichen. Die Faszination, die Hände ausstrahlen, muss an etwas anderem liegen.

Neben dem Gesicht ist die Hand der individuellste und sichtbarste Teil eines Menschen. Knie oder Ellenbogen hat zwar auch jeder, in meiner Erinnerung wüsste ich sie aber kaum zu beschreiben. Hände dagegen sind nicht irgendein Körperteil. Sie stellen Kontakt her. Sie berühren, „sprechen“, erschaffen oder zerstören. Hände haben eine Bedeutung, die weit über ihre Fingerspitzen hinausgeht.In der Antike glaubte man, die Hände verrieten die Charaktereigenschaften und die Zukunft des Menschen. Die Kunst des Handlesens, die Chiromantik, galt als angesehene Geheimwissenschaft. Im 16. Jahrhundert betrachteten Ärzte die Hand, um eine Diagnose für den Gesundheitszustand des Menschen darin zu finden. Seit der Aufklärung, 200 Jahre später, wurde das Handlesen als Aberglaube und Spektakel für den Jahrmarkt erklärt.

Aber auch heute finden es manche Menschen reizvoll, aus den Linien oder der Form der Hände Rückschlüsse über den „Besitzer“ zu ziehen. Ob eine lange und gebogene Herzlinie tatsächlich Romantik und Erotik verspricht oder ob eine Lebenslinie, die sich weit in die Innenfläche der Hand zieht, wirklich Dominanz bedeutet, kann jeder glauben, wie es ihm gefällt. Auf der Hand allerdings liegt es, dass es Frauenhände und Männerhände gibt.

Der US-Anthropologe John Manning hat herausgefunden, dass die Fingerlänge durch Hormone im Mutterleib bestimmt wird. Überwiegt Testosteron, wird der Ringfinger länger als der Zeigefinger. Bei mehr Östrogen sind beide Finger gleich lang. Die Hand, sagte Aristoteles, ist das Werkzeug vor allen Werkzeugen. Also: erst die Hand, dann der Hammer. Das geht noch weiter: erst die Hand, dann die Zahl, dann die Wörter. Gezählt haben Menschen immer. Wie viele Rinder, Männer, Erbsen habe ich? Das lässt sich an zehn Fingern abzählen. Das lässt sich an die Höhlenwand ritzen. Das erste Schriftzeichen war ein gerade geritzter Strich für eine Eins. Noch heute zählen wir so: Vier senkrechte Striche und einer quer macht fünf. Kleine Kinder malen Finger sowieso als Striche. Und wenn keine Wand zum Ritzen da ist? Muss man reden. Vermutlich entwickelte sich das Sprechen unserer Vorfahren so, dass sie mit dem Finger auf etwas zeigten und Laute von sich gaben. Da Mann. Dort Rind. Man muss das Zeigen und Plappern nur oft genug wiederholen, irgendwann wird ein verbindliches Wort daraus. In unserem Gehirn hat sich ein großes Areal entwickelt, dass die Motorik von Arm, Hand und Fingern steuert